Die versunkene Stadt in den Alpen

Das Wahrzeichen des Vinschgau in Südtirol ist märchenhaft und grausam faszinierend zugleich: Aus dem 6 km langen, türkisblauen Reschensee, vor der Bergkulisse eines urigen Tals, ragt einsam ein versunkener Glockenturm aus dem Wasser. Doch die Geschichte hinter dem bekannten Postkartenmotiv ist bei weitem nicht so idyllisch: denn das romanische Kirchlein aus dem 14.Jahrhundert wurde nicht aus Marketing-Zwecken in den See gesetzt, sondern ist stummer Zeitzeuge einer verantwortungslosen See-Stauung kurz nach Ende des 2. Weltkrieges.

Seit 1922 wütete in Italien und somit auch in Südtirol der Faschismus. Im Jahre 1939 reichte der Großkonzern "Montecatini" ein Projekt ein, den Reschen- und Graunersee um 22 Meter zu stauen. Die Bevölkerung von Reschen und Graun wurde dabei völlig übergangen. 1950 im Sommer war es nun soweit. Die Schleusen wurden geschlossen und der Reschensee gestaut. 677 Hektar Grund und Boden wurden überflutet, beinahe 150 Familien wurden ihrer Existenz beraubt, und die Hälfte davon zur Auswanderung gezwungen. Die Entschädigungen waren sehr bescheiden. Die Bewohner von Graun hatte man dann notdürftig in ein Barackenlager am Ausgang des Langtauferertales, das man eiligst aufgestellt hatte, untergebracht. Durch das faschistische Stauprojekt verloren hunderte Familien aus Gran und Reschen ihre Existenz.

Noch heute umgibt den Ort eine dunkle Aura.

Eine bekannte Legende erzählt, dass man in kalten regnerischen Nächten, die Glocken des Turmes noch läuten hören kann, obwohl der Turm gar keine Glocken mehr besitzt.

Selbst Netflix nutzte den Ort für eine Mystery-Serie. Die Serie "Curon" (Italienisch für Graun) geht sogar noch einen Schritt weiter: wer die Glocken hört wird kurze Zeit später von einem mysteriösen Doppelgänger aus dem See heimgesucht.