Wanfried - Die vergessene Hafenstadt an der Zonengrenze

Die kleine Stadt mit ihren 4.200 Einwohnern liegt im tiefen Werratal, dort wo Hessen (Werra-Meißner-Kreis) und Thüringen (das Eichsfeld) aufeinandertreffen. Fachwerk, Fluss und eine Geschichte, die von Schifffahrt, Whiskey-Schmugglern und einem fast vergessenen Gebiets-Tausch handelt.


Auf der Schlagd - Als Wanfried noch am Meer hing

Heute plätschert die Werra gemächlich vorbei. Vor 400 Jahren war hier Hochbetrieb.

Die Wanfrieder Schlagd ist das, wofür du nach Wanfried kommst. Der Begriff Schlagd kommt vom Niederdeutschen und meint eine mit Pfählen und Mauern befestigte Uferbefestigung. Was hier steht, ist in Hessen fast einzigartig: Eine komplett erhaltene Kaimauer, die eisernen Ringe zum Festmachen der Schiffe, ein Stück Stadtmauer und zwei wuchtige Fachwerk-Stapel- bzw. Lagerhäuser "Auf der Schlagd".

Am 30. August 1608 verlieh Landgraf Moritz von Hessen-Kassel Wanfried die Stadtrechte, mit der Begründung, bei ihnen sei "wegen des Werrastrombs vil Ab- und Zureisens und Handtierens". Um den neuen Hafen attraktiv zu machen, erließ er gleich noch die Zollgebühren für die erste Fahrt neu gebauter Schiffe - eine Ersparnis von 70 bis 90 Gulden pro Ladung.

Das funktionierte. Wanfried wurde Stapelplatz für die Thüringer Handelsstraße aus Mühlhausen. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man 30 Schiffe, die regelmäßig die Werra bei Wanfried befuhren.

Setz dich am besten unten direkt auf die Mauer der Schlagd. Im Sommer legt hier manchmal das kleine Ausflugsboot an.


Sehenswerte Altstadt

Wenn du durch die Altstadt läufst, siehst du die Spuren überall: Das Harmsche Haus aus der Schifffahrtszeit, das Hotel Zum Schwan von 1690, die Alte Post von 1751, ehemals Thurn-und-Taxis-Posthaus, das Rathaus aus dem 17. Jahrhundert und das Keudellsche Schloss. Wanfried gehört nicht umsonst zur Deutschen Fachwerkstraße, Regionalstrecke "Vom Harz zum Thüringer Wald" - hier hängen an den Balken noch die eingestnitzten Schifffahrtssymbole wie Anker und Bootshaken.


Das Herrenhaus von 1678

Gleich nebenan, quasi das Büro des Hafenmeisters. Das Haus wurde als großzügiges Herrenhaus mit Wirtschaftsgebäuden für den Schlagdvogt - den Aufseher an der Schlagd - gebaut. Das Untergeschoss ist massives Mauerwerk mit Torbogen, im Schlussstein steht die Jahreszahl 1678.

Das ist bemerkenswert: Nur 30 Jahre nach Ende des 30-jährigen Krieges war Wanfried finanziell schon wieder in der Lage, so ein repräsentatives Gebäude für einen Hafenaufseher zu errichten. Ein Beweis, wie viel Geld die Werra-Schifffahrt in die Stadt spülte.

Die Druckerei - Vom Kautabak zu Beck's Bier: Mit der Industrialisierung wurde die Schifffahrt rückläufig. Die Stadt verkaufte das Schlagdhaus 1861 an Peter Israel, der eine Steindruckerei einrichtete - der nächste Wirtschaftswandel.

In diesem Haus wurden die Tüten für die Zigarrenfabrik im gegenüberliegenden Haus (dem Haus mit Leiterfachwerk) gedruckt, später auch die Banderolen. Die Zigarren selbst wurden in Heimarbeit im Eichsfeld von Hand gedreht und in Pressen gelegt. Der Kautabak dafür kam - wie früher die Luxuswaren - über die Weser-Werra-Schifffahrt aus Bremen nach Wanfried. Der Schornstein der Fabrik steht heute noch als Industriedenkmal.

Ab 1927 stellte die Firma Israel auf Offsetdruck um und druckte unter anderem für Beck's Bier in Bremen die damals noch schwarz-weiß-roten Etiketten. Die erste Offsetdruckmaschine wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern als Kriegsbeute mit nach Amerika genommen.


Das Harmsche Handelshaus (1673)

Eines der reichsten Fachwerkhäuser der Stadt und pure Angeberei aus der Zeit, als Wanfrieds Kaufleute richtig Geld hatten. Erbaut 1673 im Barockstil auf einem alten Rundbogenkeller, der den großen Stadtbrand im 30-jährigen Krieg überlebt hat.

Schau genau hin: An den Eckständern sitzen geschnitzte Köpfe mit herausgestreckten Zungen und Mannsfiguren mit Kuhfüßen - die sollten das Böse vom Haus fernhalten. In der großen Toreinfahrt ist im Scheitel des Bogens ein Schiffsmotiv versteckt. Und oben am Zwerchhaus auf der Straßenseite: Engelsköpfe mit Flügeln und die "Melosinen", nixenhälige Figuren - ein direkter Verweis auf die Werra. Wasser-Symbole als Statussymbol.

Angezogen vom Handel an der Werra kam Ende des 17. Jahrhunderts der Bremer Kaufmann Wilhelm Anton Harmes nach Wanfried, um den Handel mit der Hansestadt Bremen auszubauen. Er kaufte das Haus, baute Lageräume an und ließ um 1700 ein Hinterhaus mit 15 Meter langem Keller anbauen. Der Fußboden dort besteht aus trapezförmigen Weißsandsteinplatten.

Und wie in jeder Hafenstadt gibt es eine Geistergeschichte: Als eines Tages Arbeiter den Kaufmann tot im Haus fanden, rankten sich Gerüchte um seinen Tod. Er sei beim Geldzählen vom schweren Deckel seiner Schatztruhe erschlagen worden. Seitdem soll sein Haus spuken: Wer um Mitternacht "Bodenlöcher beraus" hört und den Leichenzug erblickt, so heißt es, "wird innerhalb eines Jahres vom Tode ereilt".


Das Rathaus

Das dreistöckige Fachwerk-Rathaus wurde um 1670 von der Kaufmannsfamilie Uckermann als Handelshof auf dem Kellergewölbe eines im Dreißigjährigen Krieg abgebrannten Hauses errichtet und 1860 für 3.500 Taler von der Stadt als neues Rathaus gekauft. Erkennbar ist es an den leicht vorkragenden Obergeschossen, den geschnitzten Mann-Figuren und Rauten - der Schriftzug "Rathaus" über der Durchfahrt stammt übrigens erst von 1979 aus den Dreharbeiten zum Film "Der Willi-Busch-Report"


Das Landgrafenschloss

Ursprünglich um 1015 als ottonisches Königsgut "in Wanifredum" erwähnt, ab 1293 zur Wasserburg zum Schutz der Handelsstraße nach Leipzig ausgebaut und ab 1534 von Landgraf Philipp I. zum Schloss erweitert, wurde es nach der Zerstörung 1626 durch Tillys Truppen ab 1667 Residenz der katholischen Seitenlinie Hessen-Wanfried unter Landgraf Karl.


Die Kirche

Die neogotische Stadtkirche wurde von 1884 bis 1888 nach Plänen von Hermann Rüppel anstelle der alten St.-Veits-Kirche aus dem 7. Jahrhundert erbaut und ist innen fast vollständig im Original mit reicher Ausmalung nach dem Eisenacher Regulativ erhalten.


Das grüne Band

Wer von Wanfried 5 Kilometer Richtung Osten fährt, steht im Grenzmuseum Schifflersgrund. Es ist eines der ältesten Grenzmuseen Deutschlands und besitzt einen der längsten erhaltenen Originalabschnitte des Eisernen Vorhangs.

Warum gerade hier? Weil hier bis 1984 Selbstschussanlagen standen und weil hier am 29. März 1982 der Baggerfahrer Heinz-Josef Große mit einem Radlader durch den Zaun brechen wollte. Nur wenige Meter vor der Freiheit wurde er von DDR-Grenzern erschossen. Auf hessischer Seite steht heute die Mahnstätte mit Gedenkkreuzen.

Vom Museum führt ein Rundwanderweg direkt auf dem sogenannten Grünen Band entlang. Wo früher Todesstreifen war, ist heute ein Biotop. Im Frühjahr ist das ein surreales Erlebnis: Du läufst zwischen Orchideen und alten Grenzsäulen.


Fazit

Wanfried ist kein Ort zum Abhaken. Es ist ein Ort zum Sitzenbleiben. Am Hafen, der keiner mehr ist, an einer Grenze, die keine mehr ist. Wer an Hessen denkt, denkt nicht an Häfen. Und genau deshalb lohnt sich Wanfried

bad sooden-allendorf: Bilderserie

Nur 15 Minuten von Wanfried: Bad Sooden-Allendorf ist die große Schwester an der Werra und gilt als eine der schönsten Fachwerkstädte Hessens, zweigeteilt in das mittelalterliche Allendorf mit seinen engen Gassen und das Kurviertel Sooden. Seit fast 1000 Jahren dreht sich hier alles um Salz und Sole - das Wahrzeichen ist das 140 Meter lange und 12 Meter hohe Gradierwerk von 1638, eines der letzten in Deutschland, das heute als Freiluft-Inhalatorium mit salzhaltiger Luft dient und die Werratal-Therme versorgt. Vor dem alten Steintor steht außerdem der "Brunnen vor dem Tore" mit Linde, der als Vorbild für das berühmte Volkslied gilt.