Wer in Nordhessen aufwächst oder Fan von Sagen und Mythen ist, kennt ihn sicher: Den Hohen Meißner. 753 Meter hoch, oft in Wolken, oft das erste was schneebedeckt ist. Für mich ist es seit Jahren eine der magischsten Regionen zum Fotografieren - besonders im Winter oder bei Nebel. Der Meißner ist ein Gebirge voller Geschichten, Sagen und Märchen!
Einige meiner Lieblingsorte der Region möchte ich Euch hier vorstellen - jeder mit einem ganz eigenen Charakter.
abterode
Abterode ist eigentlich das Herz der Gemeinde Meißner und liegt direkt am Fuß des Berges. Für mich ist es der perfekte Ausgangspunkt. Düster und nebelverhangen morgens um 6 Uhr - die ersten Kinder gehen zur Schule und der frühe Berufsverkehr ist schon unterwegs. Sonst herrscht eine geheimnisvolle Stille und Ruhe über dem geschichtsträchtigen Ort.
Was mich hier total geflasht hat, ist die Totenkirche. Genau so etwas liebe ich als Fotograf von mystischen Orten.
Ich war extra morgens hier, als es noch neblig war. Leider war der Nebel nicht ganz so stark wie gemeldet - aber die Stimmung war trotzdem unglaublich. Überall alte Grabsteine aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, windschief, mit Moos bewachsen, Efeu klettert an den Bäumen hoch. Wenn das frühe Licht durch die Blätter fällt, wirkt der ganze Ort wie aus einer anderen Zeit.
Bis heute ist die Ruine ein besonderer Ort. Und das nicht nur historisch und theologisch. Im hinteren Teil wächst ein Baum, dessen Blätter im Sommer wie ein Dach der Natur über den schweren Mauern liegen. Ein Szenario zwischen Zivilisation und Natur, der zum Staunen einlädt. Der Premiumwanderweg P23 führt sogar mitten durch ihren Chorraum.
Das Foto, das ich hier gemacht habe, ist eines meiner Lieblingsbilder geworden: Der Blick über den kleinen Weg mit den Trittsteinen hinauf zur Ruine, im Vordergrund das alte Steinkreuz. Im Morgennebel mit den ersten Sonnenstrahlen sieht man erst, wie magisch dieser Ort wirklich ist.
Wegen ihrer Bauform - die schmalen Schlitze, die dicken Mauern - vermutet man, dass die Totenkirche ursprünglich als Wehrkirche im 14. Jahrhundert gebaut wurde. Ein Ort, an dem sich die Leute bei Gefahr verschanzen konnten.
Eine der wenigen gesicherten Jahreszahlen ist 1523. Sie ist über einem der großen Fenster in Stein gemeißelt.
Spätestens um 1800 wurde sie dann nur noch als Friedhofskirche genutzt - daher der Name Totenkirche, den heute jeder kennt.
Laut einem alten Zeitungsartikel von 1975 fehlte der Altar übrigens schon 1801, obwohl damals noch Gottesdienste darin stattfanden. Was heute wie ein Altar aussieht, ist in Wirklichkeit eine alte Grabplatte.
Die Rote Ruhr ist übrigens der alte Name für die Bakterienruhr (Shigellose) - und im weiteren Sinne für alle schweren Durchfall-Seuchen mit blutigem Stuhl.
- Warum "rot": Weil der Stuhl durch schwere Darmentzündungen blutig-rot verfärbt ist
- Übertragung: Über verschmutztes Wasser, Lebensmittel, mangelnde Hygiene - gerade in engen Dörfern wie Abterode früher ein riesiges Problem
Im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert war die Rote Ruhr eine der gefürchtetsten Seuchen überhaupt. Man hatte kein sauberes Trinkwasser, keine Kanalisation, keine Antibiotika. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Deshalb taucht sie in so vielen Sagen auf - wenn in kurzer Zeit 20, 30 Leute starben, musste es ja fast ein Fluch sein
Das sind keine Deko-Gartenzwerge, sondern die Meißner-Wichtel – und die haben bei Abterode eine richtig alte Geschichte: Die ganze Gegend um Abterode gehört zum Geo-Naturpark Frau-Holle-Land. Nach altem Volksglauben wohnt Frau Holle im Hohen Meißner und unten im Berg, in den Felsspalten und Löchern, wohnen ihre Helfer – die Wichtel.
Nicht weit von der Totenkirche entfernt, liegen übrigens die Wichtellöcher – zwei kleine Höhlen im Fels. Der Sage nach sind das die Eingänge zu den Stollen der Wichtel.
Wenige Schritte hinter der Totenkirche beginnt der Wanderweg P23 ins Höllental und dort steht er: der Abteröder Bär. Früher Todstein genannt, ein 3-4 Meter hoher Dolomit-Fels, der aussieht wie ein aufrecht stehender Bär. Hier soll einst eine Kultstätte von Frau Holle gewesen sein. Die Sage sagt, sie hat den Stein selbst vom Meißner hergetragen. Wenn man ihn dreimal umrundet, so erzählte man sich, verliert man den Kopf - also lieber nur einmal drumherum gehen und fotografieren.
Den Bären habe ich auch in der starken Polarlichtnacht im Januar 2026 besucht. Lange habe ich gebraucht für das perfekte Foto. Ja - ich habe den Bären mindestens dreimal umrundet bis alles passte... Moment mal 😵💫
kammerbacher höhle und nixenteich
Einer der mystischsten Orte Hessens liegt versteckt bei Bad Sooden-Allendorf: die Kammerbacher Höhle, auch Hohlstein genannt. Hier soll ein totes Mädchen im Höhlensee treiben.
Seine erste Erwähnung fand bereits 1267 statt und ist somit die zweitälteste erwähnte Höhle in Deutschland. Auch ist er die größte Höhle in Hessen und als Naturdenkmal geschützt. Wer hierher kommt, spürt sofort, dass dieser Ort mehr ist als nur Fels und Wasser. In unzähligen Märchen und Sagen wird die Höhle erwähnt - und immer geht es um ein Geheimnis im Wasser.
Da die Region um den Meißner Frau Holles Reich ist, verwundert es nicht, dass die Höhle unter anderem schon den Namen "Frau-Holle-Höhle" bekam. Insbesondere die Zeremonie einer Blumenopfergabe legt nahe, dass in und vor der Höhle eine wichtige weibliche Gottheit verehrt wurde.
Diese Bräuche stammen wohl aus vorchristlicher Zeit und wurden mehrmals im Jahr durchgeführt. Erst in den 1920er Jahren endeten diese jahrhundertealten Traditionen.
Zuletzt fand das Blumenopfer nur noch am dritten Ostertag statt. An diesem Tag, zog die erwachsene Jugend aus den umliegenden Dörfern zur Höhle, mit Blumen geschmückt steige sie hinab. Nachdem die Blumen niedergelegt wurden, trinke man aus dem klaren Quell des Höhlensees und fülle das Wasser in Krüge, um es mit nach Hause zu nehmen.
Dem Wasser des Höhlensees wurde eine besonders heilkräftige Wirkung nachgesagt.
Es hieß: Wenn eine Jungfrau in der Osternacht zwischen 11 und 12 Uhr aus dem See Wasser schöpft und sich damit immer wieder abreibt, bleibt sie für immer schön. Allerdings musste sie dabei vollkommen schweigen. Keinen einzigen Ton durfte sie von sich geben – selbst dann nicht, wenn die größten Versuchungen an sie herantraten. Etwa in Gestalt von Burschen, die alles versuchten, um ihr doch noch einen Ton zu entlocken.
Eine weitere Legende um das Magische Wasser besagt, dass ein zerbrochenes Schwert, welches hineingeworfen wird, wieder zusammengefügt wird.
Direkt oberhalb des Höhlenportals ragt eine zweite Felswand steil hervor - der Mädelsprung. Er liegt dicht nördlich des eigentlichen Höhlenvorsprungs.
Von hier erzählt man sich eine düstere Geschichte: Ein untreues Mädchen soll sich von diesem Felsen in den Höhlensee gestürzt haben. Seitdem, so sagt der Mythos, lebt sie dort unten weiter - als Nixe. Als Wasserfrau schwimmt das tote Mädchen noch heute im Höhlensee. Und sie soll untreue Mädchen zu sich in die Tiefe ziehen. Deshalb nennen die Alten den See nicht nur Höhlensee, sondern Nixenteich.
Uralte Spuren deuten auf einen Kultplatz hin: 1904 soll ein Schüler einen Schädel gefunden haben. 1911 wurden im Eingangsbereich der Höhle Keramikscherben angeblich des 12.-16. Jahrhunderts gefunden. Auch fand ein Besucher im Jahre 1968 ein Kinderskelett. Jedoch sind diese Funde nicht bewiesen.
Weitere Infos:
Mit allen Nebengängen ist der Hohlstein 111 Meter lang und bis zu 21 Meter breit.
Das Wasser im Höhlenteich ist kein stehendes Gewässer. Solche Wasseraustritte nennt man Karstquellen.
Wie alle Höhlen hat auch der Hohlstein eine fast das ganze Jahr über gleichbleibende Temperatur. Dadurch haben sich hier Tiere angesiedelt, die perfekt an ein Leben in völliger Dunkelheit angepasst sind. Allein sieben verschiedene Fledermausarten nutzen den Hohlstein als Winterquartier.
Dass der Ort schon sehr lange eine besondere Bedeutung hat, zeigen auch archäologische Ausgrabungen aus jüngerer Zeit im hinteren Teil der Höhle. Sie belegen, dass hier bereits vor rund 2000 Jahren Brandopfer dargebracht wurden. In der Fundschicht fand man vorgeschichtliche Keramik, Metallgegenstände, Tierknochen und sogar ein Werkzeug aus Knochen.
Der Hohlstein ist aktuell wegen Steinschlaggefahr ganzjährig gesperrt. Mein Foto der Höhle stammt aus dem Jahr 2014.
hessisch lichtenau
Die Stadt nennt sich selbst nicht ohne Grund "Tor zum Frau-Holle-Land". Hier unten im Tal beginnt die ganze Sagenwelt, die oben auf dem Meißner ihren Höhepunkt findet.
Hessisch Lichtenau liegt direkt an der Deutschen Märchenstraße. Im Winter gibt es den Nussknacker-Weihnachtsmarkt mit dem größten funktionierenden Nussknacker der Welt (7,50m!) und Frau Holle erscheint am Rathausfenster und wirft symbolischen Schnee herunter.
Die Altstadt ist fast komplett aus Fachwerk. Richtig schön erhalten. Mitten drin die gotische Stadtkirche St. Vitus von 1415 und das alte Rathaus von 1665. Wenn morgens der Nebel aus dem Frau-Holle-Land herunterzieht, sehen die Fachwerkhäuser aus wie aus einem Märchenbuch.
Das Holleum - musst du gesehen haben
Im historischen Rathaus in der Landgrafenstraße 17 ist das Frau-Holle-Museum - das Holleum. Klein, aber super gemacht. Da wird Frau Holle in vier Welten gezeigt: Märchenwelt, Meißnerwelt, Kräuterwelt und Unterwelt. Eintritt nur 2 Euro.
Und da liegen auch Briefe und Tagebucheinträge der Brüder Grimm, die 1817-1822 hier in Hessisch Lichtenau unterwegs waren und ihre Sagen gesammelt haben. Ohne diese Gegend gäbe es unser Frau-Holle-Märchen so gar nicht. Offen hat das Museum allerdings nur Sonntagnachmittag.
Gleich dahinter startet der Frau-Holle-Rundweg. 12 Stationen, weiße Federn weisen dir den Weg. Zentral im Park steht eine Bronze-Frau-Holle. Überall Kunstwerke von Studenten der Kunstakademie Kassel. Am Ende stehst du am Märchenbrunnen - dem Eingang zur Unterwelt.
Mein Geheimtipp ganz nah: Die Hollensteine in Hollstein. Das ist ein Stadtteil von Hessisch Lichtenau. Mitten im Ort stehen zwei 3-5 Meter hohe Dolomit-Felsen - die Hollensteine: Auch Naturdenkmal. Die Sage sagt: Frau Holle hat sie aus ihrem Schuh geschüttelt, als sie einen großen Schritt vom Meißner gemacht hat. Früher war darunter eine Quelle - ein uralter Kultplatz.