Blick auf den Burgberg während einer Polarlichtnacht
Die weiße Frau von Christerode (Originalfassung von Pfister 1885)
Einem ledigen Weibe zu Christenrode war großes Glück durch eine weiße Fraue worden, die zu Zeiten auf dem Burgberge ihren Wandel hatte. Da jene an einem Sonntage dort Erdbeeren lesen wollte, erschien ihr oben die weiße Fraue, winket, reichet ihr dann ein Frühlingsblümchen, so man Himmelsschlüssel nennet, und deutet stumm, dass sie damit die eiserne Türe aufschließen könne, die sich vorm Keller im Boden zeigte.
Da hat das Weib die Blume anstatt eines Schlüssels gebrauchet, jetzt und immer, so oft sie wollte, und durfte jedes Mal aus dreien Fässern raffen, wovon eines mit kupfernem Gelde, das andere mit Silbernem, das dritte aber mit Golde angefüllet war; aus jedem drei Mal, mehr aber nicht. Sie ward also reich, und ließ die Glocke ihrer Kirche gießen, daran noch ihr Name „Susanna" stehet.
Eines Males aber ließ sie ihre Blume im Keller liegen. Da tat zu aller erstem Male die weiße Fraue den Mund auf, warnet: des Besten nicht zu vergessen. Aber jene dachte nur an gerafftes Gut; und da sie hinaus ging, ereilte die heftig zuschlagende Türe ihren Fuß und riss die Ferse ab. Nachher hat das Weib vergeblich mit anderem Himmelsschlüssel die Türe zu erschließen
versuchet.
Wer war die weiße Frau?
In vielen Sagen taucht die „weiße Frau" auf. Ja, man hat gar das Gefühl, diese weiße Frau war überall. Und das war und ist sie im Prinzip auch, denn: Obwohl „weiße Frau" auch für ein Synonym eines weiblichen Geistes stehen kann, bedeutet sie in der Sage "Die weiße Frau von Christerode" und ähnlichen Überlieferungen schlicht „Mutter Natur" alias Frau Holle.
Auch wenn Frau Holle in ihrer schwarzen Gestalt als weise oder richtende Alte, als Todesbotin, oder auch als liebende Mutter erscheinen kann, zeigt sie sich in der Christeröder Sage in ihrer jugendlichen Gestalt als Göttin des Frühlings und der Wiedergeburt. Stets läuft die Geschichte ähnlich ab. Die weiße Frau oder Jungfer scheint zu wissen, dass ihr Gegenüber arm ist und möchte ihr oder ihm etwas Gutes tun. Statt die Person zu beschenken, überreicht sie die Schlüsselblume oder einen Schlüsselbund und lässt sie das Tor zu ihrem Reich selbst aufschließen. Dort warten gewaltige Schätze. Die Schlüsselblume, der sogenannte Schlüssel zum Schatz, wird jedoch nach dem ersten mal Bedienen meist verloren und das Tor schlägt dahinter zu. Die Blume hätte noch viele Male zum Reichtum verhelfen können
Wenn wir die Geschichte mit unserem heutigen Verständnis auffassen, so denken wir zunächst, es ginge hier tatsächlich um materielle Reichtümer wie Gold. Aber das Motiv ist ein anderes. Frau Holle Mythen reichen bis in die Jungsteinzeit zurück und sollen ihren Anfang vor 7500 Jahren haben. Das war der Beginn des Ackerbau und der Landwirtschaft. Die Menschen waren nicht mehr nur noch Jäger und Sammler und lebten fortan nicht nur von der Hand in den Mund, sondern von der Saat und Zucht. Jedes Korn war damals so wertvoll wie Gold. Echtes Gold und andere Edelmetalle hätten dem Menschen in dieser Phase der Entwicklung nichts genützt.
„Das Beste" aber ist der Schlüssel. Wenn im Frühling die Schlüsselblume blüht, beginnt ein neuer Vegetationszyklus. Wenn sie die Erde "aufgeschlossen" hat, folgen die weiteren Pflanzen. Damit ist diese Pflanze ein Hoffnungszeichen und ein Versprechen: es wird einen neuen Frühling geben. Für die Menschen damals überlebenswichtig. Wer also sinngemäß im Besitz der Schlüsselblume ist, darf selbst säen und pflanzen. Doch besitzt er die Reichtümer der Mutter Erde nicht ein für allemal, sondern muss sie in jedem Jahr neu erarbeiten. Wenn die Gedanken des Menschen nur auf den Augenblick gerichtet sind, zum schnellen Befriedigen der Bedürfnisse, wird er zwar jetzt „satt", plant aber nicht für das ganze Leben. „Vergiss das beste nicht" kann man also übersetzen mit „vergiss das ganze Leben nicht".
Frau Holle Figur am Frau-Holle-Teich, Hoher Meißner
Die große Göttin der Frühzeit - Frau Holle
Sie ist voller Geheimnisse, die Große Göttin der Frühzeit, deren Verkörperung in unserem Kulturkreis die Frau Holle ist. Sie ist eine Verkörperung der Natur in all ihren Erscheinungsformen: sie ist in allem, und sie ist alles, vom kleinsten Sandkörnchen bis zum unendlichen Raum. Sie ist nicht nur mit den Menschen verbunden, sondern ebenso sehr mit Pflanzen und Tieren, mit der Erde und mit allen Elementen. Als Herrscherin der Naturgewalten kann sie Regen, Schnee und Sturm gebieten. Die Idee der Schöpfergöttin als Lebensspenderin geht zurück bis in die Jüngere Altsteinzeit. Noch bis weit ins Mittelalter (15. Jahrhundert) wurde Frau Holle als die Große Göttin verehrt. Unsere Vorfahren sahen in Frau Holle die allumfassende Natur, die Himmel und Erde verband.
Weltberühmt ist das Volksmärchen "Frau Holle" der Brüder Grimm, erstmals 1812 veröffentlicht. Diese Märchenfigur der Frau Holle spiegelt allerdings nur einen ganz kleinen Teil dieser so bedeutsamen Gestalt wider. Das letztlich von den Brüdern Grimm niedergeschriebene Märchen beruht auf diesen uralten Mythen und hat dazu beigetragen, das Wissen um diese alte Naturgottheit lebendig zu halten. In diesem Märchen sind Wahrheiten verborgen, die auch heute noch von Bedeutung sind. Die den beiden Mädchen Goldmarie und Pechmarie gestellten Aufgaben im Reich der Frau Holle symbolisieren die Jahreszeiten vom Frühjahr (die Blumenwiese), über Sommer (den Backofen) und Herbst (der Apfelbaum) bis zum Winter (der Schnee). Hilfsbereitschaft, Liebe und Fleiß aus eigenem Antrieb sind letztlich Gold wert und führen zum inneren Einklang mit der Natur. Egoismus, Neid und Faulheit dagegen entsprechen nicht der natürlichen Ordnung und tragen keine Früchte.
Frau Holle am hohen Meißner
Als der Morgennebel noch über dem kleinen zugefrorenen See (754m über NHN) liegt, die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch das dunstige Weiß bahnen, erscheint strahlend am Ufer eine Frau - schön, doch unnahbar. In der Hand trägt sie ein Kissen.
Es ist Frau Holle und der Teich am Hohen Meißner ist ihr Reich. Der Überlieferung nach verbirgt sich in diesem Gewässer der Eingang zum unterirdischen Silberschloss der Frau Holle und zu ihrem paradiesischen Garten voller Blumen, Obst und Gemüse.
Feuersteingerätschaften deuten darauf hin, dass der See bereits in der Steinzeit ein Kultplatz war. Als „Hollenteich" wurde er erstmals im Jahr 1641 beschrieben. Und schon damals rankten sich unzählige Sagen um die als Erd- und Himmelsgöttin
verehrte Gestalt und um das nasse Tor zu ihrem Zuhause. Unendlich tief ist der Teich, so wird es seit Generationen erzählt.
Die Mythen rund um Frau Holle stehen meist in enger Beziehung zu ganz besonderen Orten rund um den Hohen Meißner. In der Mythologie der Frühzeit symbolisiert die Ausrichtung eines Ortes nach Osten Erneuerung und Wiedergeburt. Der „Frau-
Hollen-Teich" gilt somit nicht nur als Zugang zum unterirdischen Reich der Frau Holle sondern zugleich als Ort der Wiedergeburt verstorbener Seelen. Eine Ausrichtung nach Westen symbolisiert die Seite des Todes- dementsprechend fährt Frau Holle im Spätherbst mit den Seelen der Verstorbenen (Pflanzen, Tiere und Menschen) in die sogenannte "Weiße Wand" auf der Westseite des Berges ein. Eine weitere mit Frau Holle in Verbindung stehende Sage ist die des Abteröder Bärs, auch Todstein genannt...
Abteröder Bär