Die Ursprünge von Rotkäppchen lassen sich ebenfalls nach Nordhessen zurückverfolgen, auch wenn das Märchen in vielen Regionen Europas bekannt ist. Wenn man die ursprüngliche Geschichte von "Der Wolf und die sieben Geißlein" nun kennt, stellt sich die Frage, ob Rotkäppchens Begleiter ursprünglich auch als Werwolf gemeint war?


In Europa und insbesondere in Deutschland waren Wölfe nicht sonderlich beliebt. Sie galten als schlaue, aber auch bösartige Tiere. Laut Überlieferungen wagten sie es, Menschen anzugreifen und gewannen sogar hin und wieder. Das brachte ihnen einen schlechten Ruf ein, sogar den Ruf, selbst beinahe menschlich zu sein. Nach und nach manifestierten sich in ihnen einige unserer schlimmsten Ängste vor verdrängten tierischen Instinkten. Kann es sein, dass daher ein Großteil des Werwolf-Mythos als Synonym für zudringliche Herren gelesen werden kann und muss?


Das Märchen Rotkäppchen basiert auch auf einer Werwolf Erzählung. Märchen sind im allgemeinen Bewusstsein noch immer fest als Kindergeschichten verankert. Dass Rotkäppchen etwa von Geschlechtsverkehr handelt, können sich viele gar nicht vorstellen, deren Märchenwissen sich auf Filme von Disney stützt. In einer ursprünglichen Form von Rotkäppchen, niedergeschrieben von Ungern-Sternberg, wird das Motiv des Wolfes klar. Ungern-Sternberg schrieb diese Version 40 Jahre nach den Brüdern Grimm nieder. Er kommt mit seiner Version aber dem ursprünglichen Geist des Märchens deutlich näher.


Der Wolf ist dort eigentlich ein Zauberer, der den hübschen Mädchen als Gentleman entgegentritt. Geben sich die Mädchen ihm nicht freiwillig hin, vergewaltigt er sie und verwandelt sich erst dann zum Wolf, um seine Spuren zu verwischen. Da diese Version sehr lang ist, kann ich sie hier nicht vollständig niederschreiben. Sie kann aber zum Beispiel in dem Buch „Rot wie Blut - Grausige Märchen und Sagen" nachgeschlagen werden. Dort gibt es auch allerhand andere Ursprungs- und Alternativversionen bekannter Märchen.

Figur KI-generiert

Alternative Fassung

... zwei Auszüge möchte ich aber zeigen. Zum einen den Teil eines Dialogs zwischen Rotkäppchen und dem „Wolf". Kommt die eigentliche Message hier besser rüber, als in der Mainstream-Fassung?


»Du bist eine allerliebste kleine Unschuld.«
»Still! Was machen Sie da! Das lieb' ich nicht.«
»›Es hatte sich eine Fliege auf deinen Hals gesetzt.«
»Und Sie wollten sie mit dem Mund wegfangen? Ist das die Manier, wie man Fliegen fängt?«
»Es ist meine Manier. Wie du hübsch rot geworden bist! Ich dachte, Landmädchen erröten nie. Ich will dir das Tuch etwas freier knüpfen. […] Ich kann vor Rührung noch immer nicht in die Höh sehn.«
»Ach, Sie liegen mir die ganze Brust platt.«
»Eine so runde Brust!«


Zum Anderen das Ende des Märchens. Auch hier werden Rotkäppchen und die Großmutter gerettet, der Wolf aber stirbt. Mit äusserst merkwürdigen Zeilen endet das Märchen schließlich:


„Der Wolf aber blieb tot, und der Wald und die Umgegend waren somit von dem boshaften Zauberer befreit. Man sagt aber, dass die jungen Mädchen damit nicht zufrieden waren; sie hätten es lieber gesehen, wenn der Zauberer lebend geblieben wäre. Es gab sogar ein Lied unter ihnen, das so lautete:
Junge Mädchen
Sind dazu geschaffen,
Verspeist zu werden.
Ein recht hungriger Wolf
Ist ihnen das Liebste auf Erden."


Hier frage ich mich immer noch, wie man diese Zeilen deuten soll? Mich erinnert es ein wenig daran, wenn Täter, völlig absurd, den Opfern ihre eigene Schuld an Übergriffen geben. Oder soll damit schlicht ausgedrückt werden, dass junge Mädchen die Gefahr noch nicht adäquat einschätzen können?

Der letzte Werwolf Deutschlands

Der Hunsrück war das Refugium des letzten gesichteten Werwolfs in Deutschland, glaubt man einer amerikanischen Soldaten-Sage. Diese hat sich in Morbach in Rheinland Pfalz im Jahre 1988 zugetragen. Zu dieser Zeit betrieben die Amerikaner dort die Luftwaffenbasis Hahn. In den umliegenden Wäldern gab es einige gut bewachte Munitionsdepots. Fünf Soldaten machten sich auf dem Weg zu ihrem Posten und kamen dann stets an einem Heiligenhäuschen mit einer geweihten Kerze vorbei. Die Kerze soll eine bösartige Gestalt fernhalten. In der nahegelegenen Kreisstadt Wittlich habe man nämlich einst einen Werwolf getötet. Sollte diese geweihte Kerze jemals erlischen, kehrt der alten Legende nach die Bestie zurück. Die Flamme der Kerzen, die dort aufgestellt werden, mussten jeweils an der Flamme der vorhergehenden Kerze entzündet werden. An diesem Abend aber war die Flamme aus. Einige Soldaten, denen die Legende bekannt war, witzelten noch darüber. In der Nacht kam es dann aber zu einem merkwürdigen Zwischenfall: Sensoren an der Umzäunung des Munitionslagers lösten Alarm aus. Als die Wachsoldaten die Stelle erreichten, sahen sie eine hundeartige Gestalt, die sich auf die Hinterbeine stellte und über den drei Meter hohen Zaun sprang. Anschließend verschwand das Wesen in der Dunkelheit des Militärgeländes. Der Vorgesetzte der Wachmannschaft rief dem Wesen hinterher, es solle sofort stehen bleiben, da es sich auf amerikanischem Militärgelände befinde und sonst Waffen eingesetzt würden. Kurze Zeit später tauchte das „Ding" dann wieder auf und rannte direkt auf die Männer zu. Die Soldaten zogen ihre Waffen und drohten sie einzusetzen. Die Gestalt aber machte einen Riesensatz über die Soldaten und den Zaun hinweg und verschwand schließlich in den dunklen Wäldern außerhalb des Militärgeländes. Kameraden mit Suchhunden kamen zur Verstärkung. Die Hunde aber weigerten sich, diesen Wald zu betreten. Sie sollen den Schwanz eingezogen und sich winselnd auf den Boden einer Waldlichtung gelegt haben.


Wahrheitsgehalt:
Die Geschichte wurde von dem amerikanischen Sagenforscher D.L. Ashliman veröffentlicht, der die Geschichte 1997 anonym via Email erhielt. Er begann mit der Recherche und es meldete sich daraufhin einer der damals anwesenden Soldaten, der den Vorfall als wahr bestätigte. Der deutsche Historiker Matthias Burgard beschäftigt sich in seinem Buch „Das Monster von Morbach" auch mit diesem mysteriösen Fall. Er kommt zu dem Entschluss, dass trotz anders lautender Behauptungen in englischsprachigen Foren, diese Sage komplett von in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten stammt. Obwohl Werwolfsagen aus dem Hunsrück existieren, hat diese keinerlei Verbindung zu jenen und scheint nur ein Soldatenmärchen zu sein. Aufgrund der Gegebenheiten geht er davon aus, dass das ehemalige Munitionslager von Wenigerath, der heutige Morbacher Energiepark, Schauplatz der Sage ist.


Baptist Schwyzter:

Der amerikanischen Sage liegt folgende Legende zu Grunde: In Wittlich habe man angeblich dem letzten Werwolf auf deutschem Boden den Garaus gemacht. In seiner menschlichen Gestalt soll er Thomas Johannes Baptist Schwytzer geheißen haben. Er war ein Elsässer, der als Soldat in Napoleons Armee diente. Er desertierte bei einem Russlandfeldzug 1812 und wollte zurück in seine Heimat fliehen. Bei Wittlich im Hunsrück überfiel er völlig ausgehungert einen Bauernhof. Er brachte den Gutsherren und dessen Söhne um, die sich ihm in den Weg stellten. Die Bäuerin schrie Schwytzer einen Fluch entgegen: er solle sich bei jedem Vollmond in ein Tier verwandeln. Anschließend schlug er auch ihr den Schädel ein. Mit Schwytzer ging eine unfassbare Veränderung vor sich. Nach und nach verlor er alle Hemmungen, wurde brutal, plünderte und mordete bestialisch. Selbst das Gesindel, das er um sich geschart hatte, floh vor seiner Bosheit. Man flüsterte sich Gerüchte zu von einem großen Wolf, der wie ein Mensch auf zwei Beinen lief und in Vollmondnächten Mensch und Tier grausam schlachtete. Als er die Tochter eines ansässigen Bauerns schändete, jagte man Schwytzer, stellte ihn schließlich nahe Morbach. Er wurde getötet und dort begraben, wo heute das Heiligenhäuschen steht. Man entzündete eine geweihte Kerze, die den Geist des mutmaßlichen Werwolfs für immer bannen sollte.

Vom Michelsberger Werwolf

Zwischen Michelsberg und Dorheim bei Schwalmstadt hielt sich früher oft ein Werwolf auf. Ging jemand nachts ohne Begleitung durch die Straßen oder die angrenzenden Wälder des Dorfes, sprang ihnen der Wolf auf und sie mussten ihn solange Huckepack tragen, bis sie unter seiner Last zusammen brachen. Wenn sie dann erschöpft auf der Straße lagen, lachte der Werwolf sie nur aus. Oft sprang er auch am Friedhof ab, weshalb viele Leute glaubten, er sei ein Geist, den der Teufel geschickt habe. Drei Brüdern aus Michelsberg war die Sache nicht geheuer. Sie wollten dem Phänomen auf den Grund gehen und beschlossen also dem Werwolf aufzulauern. Der stärkste Bruder ging durch den Wald, die anderen beiden versteckten sich im Straßengraben. Tatsächlich kam dem großen Bruder nach einigen Stunden knurrend und stöhnend der Werwolf entgegen gesprungen. Schon kamen die beiden anderen Brüder aus ihrem Versteck, warfen die „Bestie" auf die Straße, zogen ihr das Fell über die Ohren und zerkratzten ihr das Gesicht. Nun sahen sie, dass es sich um einen Menschen handelte. Das Gesicht konnten sie in der Dunkelheit jedoch nicht erkennen - der Täter floh. Am nächsten Tag aber sah man einen Michelsberger mit zerkratztem Gesicht. Die Familie des Mannes hieß von nun an „Werwolfs". Sein Unwesen trieb der Werwolf seitdem nicht mehr. Die Brüder bekamen für ihre Dienste eine Belohnung und genossen seitdem hohes Ansehen im Dorf.

Menschen mit Hundeköpfen

Aus verschiedenen Epochen und Kulturen rund um den Erdball gibt es immer wieder Geschichten und Abbildungen von Menschen mit Hundeköpfen. Es handelt sich nicht um Werwölfe, die erst nach einer Verwandlung das Bild des Tieres annehmen. Zahlreiche bekannte Geschichtsschreiber und Gelehrte griffen diese Hundemenschen in ihren Schriften auf. So schrieb Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung etwa, die Hundemenschen kämen aus Libyen. Ein Benediktinermönch wird in einem Brief aus dem Jahre 860 konkreter: aufgrund der äußeren Erscheinung scheint es sich um Tiere zu handeln, sie haben im Gegensatz zum Menschen längliche zum Boden geneigte Köpfe, sprechen nicht, sondern geben bellende und knurrende Laute von sich. Sie scheinen aber dennoch Vernunft und Moral zu besitzen. Sie leben in einer Gemeinschaft, beackern das Feld, weben Stoffe, sammeln Früchte und bedecken im Gegensatz zu Tieren ihre Scham. Es scheint sich um Abkömmlinge des Menschengeschlechts zu handeln. Der bekannte Reisende Marco Polo (1254-1324) zeichnet in seiner Schrift „Il Milione: das Wunder der Welt" ein anderes Bild: er sagt wenn man ihnen zu nahe kommt, würden sie Menschen angreifen und verspeisen. Alexander der Große schrieb an seinen Meister Aristoteles, diese Menschen kämen aus Indien, würden in den Bergen leben, bis zu 200 Jahre alt werden und enorm weit springen können. Sie hätten so schlagfertige Reflexe, dass, wenn ihnen etwas aus der Hand fällt, sie das Objekt fangen können, ehe es den Boden berührt. Sogar im Christentum ist die Rede von diesen Wesen, etwa in der Geschichte um den Heiligen Christophorus, der ehemals ein Hundemensch gewesen sein soll.

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